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Interview mit Javier Jahncke, Geschäftsführer von Red Muqui, Peru

Der Macht der Konzerne etwas entgegen setzen

Rund 20 Prozent des peruanischen Territoriums sind an Bergbaufirmen konzessioniert. Für sie gibt es zwar Auflagen, aber keine unabhängige Kontrolle. Soziale Spannungen, Umweltprobleme und Menschenrechtsverletzungen sind die Folge. Das Netzwerk Red Muqui setzt sich für Menschen ein, die von Konflikten mit Bergbaukonzernen betroffen sind. Sandra Weiss hat mit Javier Jahncke, dem Geschäftsführer der Organisation, darüber gesprochen, was das Engagement des Netzwerks hier bewirken und Personelle Zusammenarbeit dazu beitragen kann.

 

Wie ist das Red Muqui entstanden und welches ist der Arbeitsschwerpunkt?

Javier Jahncke: Wir sind mit dem Bergbauboom unter Präsident Alberto Fujimori im Jahr 2003 entstanden. Die neoliberale Regierung hat bei der Konzessionsvergabe keinerlei Rücksicht auf die örtliche Bevölkerung genommen, sondern es ging nur um ausländische Investitionen und Gewinnmaximierung. Das brachte soziale Spannungen mit sich, Umweltprobleme und eine Reihe von Menschenrechtsverletzungen. Red Muqui ist ein Zusammenschluss von NGOs und war die Antwort auf einen Staat, der sich nicht um seine Bevölkerung kümmert. Heute gehören 29 Bürgerorganisationen aus elf Regionen unserem Netzwerk an. Insgesamt begleiten wir derzeit Betroffene von 42 Konflikten mit Bergbaukonzernen.

 

Wie kann man sich diese Begleitung vorstellen?

Javier Jahncke: Das kommt immer darauf an, was die Bevölkerung will. In manchen Regionen wie Cajamarca ist die Bevölkerung strikt gegen neue Konzessionen. In anderen geht es darum, mit den Konzernen über Kompensationsmaßnahmen zu verhandeln. In beiden Fällen sind wir beratend tätig. Zum Beispiel klären wir die Menschen über ihre Rechte auf, oder wir helfen ihnen dabei, die Umweltverschmutzung gemäß internationalen Standards zu kontrollieren. Gegenüber der Macht der Konzerne müssen wir die Organisationskraft der Betroffenen stärken.

 

Welchen Beitrag leistet AGEH-Fachkraft Mattes Tempelmann hierbei?

Javier Jahncke: Für ein Netzwerk wie uns ist die Unterstützung durch Mattes Tempelmann, dessen Mitarbeit übrigens durch Comundo Luzern finanziert wird, ein großer Gewinn, denn seine Kenntnisse zum Beispiel über Methodik partizipativer Arbeit mit der Bevölkerung haben uns neue Ansätze gebracht. Er organisiert Workshops für unsere Mitgliedsorganisationen. So können wir unsere Standards angleichen, Erfahrungen austauschen und professioneller werden. Mattes arbeitet derzeit an einer Publikation, in der wir all diese Methoden und Erfahrungen systematisieren wollen.

 

Wo liegen die Hauptprobleme des Bergbaus?

Javier Jahncke: Bis in die 90er Jahre gab es überhaupt keine Umweltauflagen für die Konzerne, und die Spätfolgen merken wir erst jetzt. Zum Beispiel im Umkreis der Metallschmelze La Oroya haben 90 Prozent aller Kinder erhöhte Bleiwerte im Blut. Jetzt gibt es zwar Auflagen, aber es gibt keine unabhängige Kontrolle. Das Gesundheitsministerium hat eine Strategie gegen Schwermetallvergiftungen, aber fast alles Geld dafür fließt in Gehälter und ab und zu ein paar Brigaden, die Pillen verteilen.

 

Welche Erfolge hatte das Red Muqui?

Javier Jahncke: Wir haben schon einige gesetzliche Änderungen angeregt, zum Beispiel beim Gesetz über Bürgerbeteiligung an Megaprojekten. Derzeit ist ein Gesetz zur Anerkennung des Umweltmonitoring durch Bürgerkomitees im Kongress, das wir für sehr wichtig halten, damit die Komitees rechtlich abgesichert sind und ihre Forschungsergebnisse den Staat zum Handeln zwingen.

 

Und diese Gesetze finden auch Anwendung?

Javier Jahncke: Nicht zu 100 Prozent. Peru hat für 20 Prozent seiner Oberfläche Konzessionen erteilt und definiert sich als Bergbaunation. Die Bürgerbeteiligung betrachtet der Staat lediglich als Verwaltungsakt. Wenn die Bürger das Vorhaben nicht einfach abnicken, sondern es Widerstand gibt, greift der Staat gerne zu Repression. Wir müssen da immer wieder einschreiten, denn aus unserer Sicht ist die Einbeziehung nicht nur das gute Recht der Bevölkerung, sondern dient auch der Konfliktprävention.

 

Wie viele Konflikte im Zusammenhang mit Bergbau gibt es?

Javier Jahncke: Unter der vorherigen Regierung von Präsident Ollanta Humala gab es 64 Tote bei sozialen Konflikten, die meisten in Zusammenhang mit dem Bergbau. Und die aktuelle Regierung macht keine Anstalten, die neoliberale Bergbaupolitik zu ändern.

 

(Javier Jahncke, Geschäftsführer von Red Muqui)

 

Partizipative Kartierung

Die Karte, in die handgemalte Symbole eingefügt sind, ist das Ergebnis einer partizipativen Kartierung aus einer der Projektregionen. Als Geograf bringt Mattes Tempelmann neue Kompetenzen ins Team von Red Muqui: Er erstellt Karten und bezieht dabei mit partizipativen Methoden Betroffene in den Projektregionen, Mitarbeiter von Partnerorganisationen oder die Kollegen der Red Muqui mit ein.

Die Ergebnisse der Gruppenarbeiten überträgt er anschließend in Geoinformationssystheme (GIS). Die großformatig ausgedruckten Karten helfen bei der Problemanalyse und der Findung von Lösungsstrategien.

 

Text: Sandra Weiss, Fotos: Florian Koop